"Alea icata est" - "Der Würfel ist gefallen."
Das sagte Julius Caesar, bevor er mit seinem Heer den norditalienischen Fluß Rubikon überschritt.
Damit begann ein Bürgerkrieg, nach dessen Ende aus der Römischen Republik das Römische Kaiserreich geworden war. In dieser Zeit des Übergangs wurde in Palästina Jesus Christus geboren. Bald schon sollte das Römische Reich seine größte geographische Ausdehnung erreichen.
Als Julius Caesar das Licht der Welt erblickte, gehörten bereits Teile Spaniens und Südfrankreichs zum römischen Einflußgebiet, Griechenland war erobert, Karthago - im heutigen Tunesien - zerstört.Julius Caesar wurde in die römische Elite hineingeboren, sein Vater gehörte zum führenden administrativen Team des Staates. Der junge Caesar durchlief eine diplomatische Laufbahn und wurde Statthalter in "Gallia cisalpina", also dem diesseits, auf der römischen Seite der Alpen gelegenen Gallien. Von dort aus begann er den Gallischen Krieg, worüber er ausführlich in seinem Buch "De Bello Gallico" berichtete - immer seine Kriegshandlungen als "gerechtfertigt" legitimierend. Denn Norditalien - und auch die Stadt Rom - wurde immer wieder von gallischen Truppen überfallen. Bekannt ist die Legende, wonach eine schnatternde Gans auf dem Kapitol - zu jener Frühzeit Roms eine Fluchtburg - die Römer vor dem Eindringen einer Gallierhorde gewarnt habe.
Zu jener Zeit durfte Krieg - so das Dogma der Römer - nur als Notwehr im eigentlichen Sinne des Wortes geführt werden, zur Abwehr von Bedrohungen und Überfällen, nicht aber zur Eroberung oder vorsorglichen Befriedung und Unterwerfung fremder Territorien. Das änderte aber nichts an dem Umstand, dass die Versklavung der besiegten Heere und Völker als legitim galt und üblich war. Auch verabschiedeten sich die Römer bei Bedrohung durch feindliche Heere ohne weiteres von ihrer demokratischen Verfassung. Illustrativ ist die Legende, wie in der Zeit der frühen Republik ein Familienvater, Mitglied des Senats, vom Pfluge weg zum Diktator und Heeresführer bestellt wurde - die Nachricht vom drohenden Einfall der Barbaren erreichte ihn während der Feldarbeit.
Julius Caesar und sein Heer waren siegreich im heutigen Frankreich: "Veni, vici, vincit" - "Ich kam, sah und siegte", schrieb er in seinem "Gallischen Krieg". Caesar gelang es "ganz Gallien" zu unterwerfen. Die Caesarsche Militärmaschine war so effektiv, dass die Römer auf schnell erbauten Brücken sogar den Rhein hinüber nach Germanien überschritten - eine für damalige Zeiten ingenieurtechnische Leistung, die bei den germanischen "Barbaren" blankes Erstaunen hervorgerufen haben muss. Der Erfolg des römischen Militärs beruhte auf der Rationalität und Nüchternheit der Anwendung von Technik und kluger Administration. Das hinderte Caesar nicht, im Zuge der Unterdrückung von Aufständen ganze Volksstämme abzuschlachten; er selbst berichtet über Zehntausenden von Toten, auch Frauen und Kinder wurden nicht immer verschont.
Vielleicht waren diese Gemetzel mit ein Grund dafür, dass sich Caesar über seinen eigenen Tod durch Ermordung nur erstaunt, nicht entsetzt zeigte: "Auch du, Brutus..." - so seine lakonischen letzten Worte. Ermordet wurde er auf den Treppen des Senatsgebäudes, 23 Messestiche trafen ihn.
"Er beteuerte mit lauter Stimme, dass man ihn wider seinen Willen zum Volk hintreibe, dass des Senates Übermut und Härte ihn zwängen, dort einen Rückhalt zu suchen." So Plutarch in seiner Biografie (ziteriert nach Luciano Canforas). Was konnte Plutarch mit "Übermut und Härte" gemeint haben? Vielleicht den Umstand, dass das Volk Roms eine fortdauernde, kontinuierliche Kriegsführung, die alle Ressourcen in Anspruch nahm - zu jener Zeit wohl vor allem der mit den damaligen landwirtschaftlichen Techniken nur schwer zu erwirtschaftende Überschuß an Weizen und Brot - nur dann zu mitzutragen bereit war, wenn es selbst auch und nicht nur das Militär - in "sowjetischer" Manier - in den Genuß des so Erreichten und Eroberten kam.
Caesar - der auch in Spanien und England (mittels einer eigens gebauten Invasionsflotte) erfolgreich Krieg führte - könnte nach vielen Jahren Krieg und Gewalt zum Schluß gekommen sein, dass 1. ein Gebiet gigantischen Umfangs, das den gesamten Mittelmeerraum, Teile Asiens und Nordeuropas umfaßte, mit der Doktrin des "gerechten Krieges" als letztes Mittel der Notwehr nicht zu halten und zu befrieden war, 2. Dass der für den Zusammenhalt dieses Terrains erforderliche Militärmaschine vom Volke nur dann die nötigen, nicht minder gigantischen Mittel und Resourcen - von Leib und Leben der Soldaten einmal abgesehen - zugestanden würden, wenn auch die Bevölkerung, "Frauen und Kinder" in den Genuß der durch militärischen Einsatz erworbenen Vorteile käme, und diese Vorteile nicht nur durch eine "weise" elitäre Schicht als Beuteschatz "ko-hortet" würden, um sie nur in Zeiten von Not und Bedrohung zur Abwehr von Gefahren durch feindliche Heere einzusetzen - vergleichbar mit den wohl nicht zufällig erst mit dem Zuendegehen des "Kalten Krieges" abgeschafften "Goldstandard" der USA.
Es ging auf den Treppen des Senats wohl darum, ob nunmehr nicht mehr per Senatsdebatte über die Rechtfertigung militärischen Einsatzes diskutiert werden sollte, sondern viel simpler, weniger umständlich und dem Mittel der Gewalt als alltägliche, normale Form von Politik entsprechend, nunmehr diktatorisch und ohne "langes Fackeln" über das Ja oder Nein des Einsatzes und dann gleich auch in einem "Kriegsministerium" und "Hauptquartier" über die Art und Weise des militärischen Vorgehens entschieden werden sollte, und all dies nicht mehr nur im Notfall sondern jederzeit.
Mit einer irrationalen, undemokratischen, charismatischen Verfassung und der Figur eines gottähnlichen Kaisers im Zentrum war "alles möglich". Diese neue, kaiserlich-caesarische Doktrin der militärischen Gewalt als ganz normalem Ordnungsprinzip hätte also in einem Militärstaat enden können (tatsächlich gabe es sogenannte Soldatenkaiser, die meist von ihren eigenen Truppen ermordet wurden). Es gab jedoch auch im späten Römischen Reich nie eine offen propagierte Doktrin des "totalen Kriegs" wie dies etwa für ganz kurze Zeit während des Faschismus des letzten Jahrhunderts Wirklichkeit wurde, sondern die Devise der Römer lautete - sehr viel friedlicher - "Brot und Spiele".
Gewalt und Krieg waren an die Grenzen der Reiches verlagert - oder aber in das Reich der Illusion, in die Gladiatorenspiele der Arenen. Dass dort tatsächlich Menschen starben, nahm nichts von der Tatsache, dass der römische Alltag eben nicht von Gewalt, Kampf und Willkür beherrscht war. Ganz im Gegenteil bestand die Grundlage des Römertums in der Durchsetzung eines zivilen Umganges, der sich an Recht und Gesetzenicht nur orientierte, sondern der etwa den Codex Iustinianus hervorbrachte, der bis zur französischen Revolution 1789 das umfangreichste Gesetzbuch der Geschichte blieb. Auch die Institution der Sklaverei, der Zwangsarbeit also, war rational durchorganisiert. Durch vorbildliche Leistung und Fleiß konnte auch ein Sklave höchste Positionen innerhalb des Römischen Staates erreichen.
Es ist mithin kein Zufall, dass schon zur Zeit der Begründung des Kaisertums ziemlich genau parallel die Religion des neutestamentliche Christentums ihren Anfang und Aufschwung nahm. Augenfällig konnte die christliche Lehre an dem offensichtlichen - moralischen - Widerspruch ansetzen, dass Gewalt und Mord im Alltag ausgeschlossen waren, jedoch an die Reichsgrenzen und in die Arenen gewissermassen projeziert wurde. Doch war diese Projektion eben kein Sandalenfilm aus Hollywood sondern blutige Realität. Anders gesagt: hätten die Römer das Zelluloid gekannt, wäre keiner der "Darsteller" aus Fleisch und Blut zu Tode gekommen - eine Enttarnung der Illusion als Realität hätte nicht stattgefunden.
Die römische Gesellschaft nahm in Kauf, dass ihre Devise "Brot und Spiele" lautete, statt wie früher "Bellum Giustum", "Gerechter Krieg". Das frühe Christentum konnte also an diese Zurückhaltung, an den früh von den Römern "domestizierten" Gewalteinsatz anknüpfen. So gesehen ist die christliche Religion eine Fortsetzung der Doktrin des "Bellum Iustum" und konnte aus diesem Grunde wenige Jahrhunderte später Staatsreligion werden. Allerdings nimmt es kein Wunder, dass damit das Militärische - und diesen Umstand könnte Caesar erahnt haben - an Effektivität und Durchschlagskraft verlieren musste, in einer Welt, in der das Römische Reich von feindlichen Volkstämmen umgeben war, die keineswegs Krieg und Gewalt als verbotene Mittel betrachteten.
Insoweit wäre der zur Zeit Caesars vollzogene Schritt zum Kaisertum eine Angleichung der römischen Verfassung an die reale Welt des europäischen, insbesondere des nordeuropäischen und arabischen Raumes zu sehen. In einer Zeit, als überall auf der Welt das irrationale Recht des Stärkeren und Mächtigeren galt, und wo (wie heute wohl immer noch zwischen Juden und Arabern) das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn und Zahn" die herrschende Moral abgab, war eine Militärmaschine wie die römische zur zwangsweisen Befriedung der Welt wohl unerläßlich, doch kaum mit einer friedfertigen Doktrin von Gewalt als Mittel nur der Notwehr zu begründen.
Dass eine solche Zwangsbefriedung eine grausame, militärische sein musste und zudem auf Sklavenwirtschaft, also Zwangsarbeit beruhte, konnte tatsächlich kaum mit einer Vernünftigkeit begründet werden, an die ein strengen moralischen Prinzipien verpflichteter Senat gebunden gewesen wäre, sondern konnte viel plausibler und besser mit einer fast "verrückt" anmutenden Rückkehr zu einer Ideologie eines nahezu göttlichen Kaisers begründet werden. Dieser Kaiser war zwar zu diktatorischem, kraftvollem und schnellem - von oppositioneller Kritik ungehemmtem - Einsatz von Gewalt befähigt, doch mußte eine solche politische Leitung auch immer den Gefahren begegnen, die eine solche unvernünftige Legitimation von Gewalt mit sich bringt - insbesondere "Mord und Totschlag" als Mittel der Intrige, also Machterlangung im eigenen Haus.
Denn was die Durchsetzung des Friedensgebotes und der christlichen Nächstenliebe in einer Welt der Gewalt und Rache unter Verzicht auf Gewaltanwendung bedeutet, darüber gibt die Kirchengeschichte - im weiteren Sinne: die Geschichte des Mittelalters - Auskunft. Das römische Reich verlor Kontur und wirtschaftliche Verfassung - nämlich eine auf Zwangsarbeit, Arbeitsteilung und maximale Bewirtschaftung von Tier und Boden beruhende Landwirtschaft.Es bleibt nur zu hoffen, dass mehr als 1000 Jahre nach Untergang des römischen Militär-/Sandkasten-/Zivilstaates die Durchsetzung des Gewaltverbots mit unmilitärischen Mitteln, besser: die Verbreitung der christlichen Lehre der Nächstenliebe per Einsicht und Bekehrung - endgültig zu einem Verschwinden von Gewalt und Krieg zumindest im westlichen und japanischen Kulturkreis geführt hat.
Bücher zu Julius Caesar:
Luciano Canfora, Caesar. Der demokratische Diktator. Eine Biographie.
530 Seiten, Verlag C.H. Beck München
erschienen 2001, aus dem Italienischen übersetzt von Rita SeußAlexandre Dumas, Cäsar
586 Seiten, Verlag Lübbe
erschienen 2000Matthias Gelzer, Caesar. Der Politiker und Staatsmann
Verlag: F. Steiner, erschienen 2000Martin Jehne, Caesar
126 Seiten, Verlag C.H.Beck
erschienen 2001Christian Meier, Caesar
601 Seiten, dtv -Verlag
erschienen 1986Hans Oppermann, Julius Caesar. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
186 Seiten, Rowohlt Verlag
erschienen 1999
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